Ein Bekenntnis zu Toleranz: Unsere Namenspatin Anna Seghers

„Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.“ ( Letzter Satz in dem Roman „Das siebte Kreuz“)

 

Als ein Bekenntnis „zu Toleranz, kritischer Beobachtung politischer Verhältnisse, zur Bereitschaft zum Vergeben und zur Verehrung deutscher Literatur“ beschrieb der damalige Kulturdezernent Peter Krawietz die Namenswahl unserer Schule, die ab dem Schuljahr 2005/06 IGS Anna Seghers heißen sollte. So wurde der in Mainz geborenen und aufgewachsenen Schriftstellerin ein weiteres lebendiges Denkmal gesetzt. Eine Autorin, die laut Prof. Dr. Dietger Pforte, Vorsitzender der Anna-Seghers-Stiftung „weltweit integrierend wirkte“, war Namensgeberin der IGS Berliner Siedlung geworden – einer Schule, die sich Integration auf die Fahne geschrieben hat.

An die Anfänge der Namensfindung im Jahre 2003 erinnerte Dr. Ursula Elsner, die Vorsitzende der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e. V., an erste Treffen mit der damaligen Elternbeiratsvorsitzenden Marie-Charlotte Opper-Scholz, deren Engagement es maßgeblich zu verdanken sei, dass die Schule nun den Namen "Anna Seghers" tragen darf. Die Verbindung zwischen Dichterin und Schule antizipierend zitierte Frau Dr. Ursula Elsner sinngemäß Bertolt Brecht: „So nützten sie sich, indem sie Anna Seghers ehrten und ehrten sie, indem sie sich nützten, und hatten sie also verstanden.“

Anna Seghers gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. 1933 als kritische Schriftstellerin und Jüdin zur Emigration gezwungen, schrieb sie als entschlossene Gegnerin des Nationalsozialismus Artikel, Reden und Bücher gegen die Nazis. Im Exil erfuhr sie von der Deportation ihrer Mutter im März 1942, die in das polnische Ghetto Piaski bei Lublin abtransportiert und dort ermordet wurde.

Weltberühmt wurde Anna Seghers mit dem 1942 in den USA und Mexiko veröffentlichten Roman „Das siebte Kreuz“. Über ihre Schulzeit in Mainz und das Schicksal ihrer Klassenkameradinnen und Lehrerinnen, die den ersten Weltkrieg und dann die Nazizeit erlebten, schrieb sie die erschütternde Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland lebte Anna Seghers bis zu ihrem Tod 1983 in Ost-Berlin. Mit dieser Rückkehr verband die Erzählerin viele Hoffnungen und Pläne: „Sie wollte an einem ‚neuen Deutschland‘ mitbauen und sich – neben ihrer literarischen Arbeit – für die Erhaltung des Weltfriedens engagieren“, beschreibt ihr Sohn Pierre Radvanyi diese Zeit. Erschüttert über die schreckliche Zerstörung, die sie überall im Land vorfand, gab Anna Seghers die Hoffnung auf eine menschliche politische Ordnung nicht auf. Sie war der Überzeugung, dass Gerechtigkeit am besten mit den Ideen des Kommunismus erreicht werden kann, deshalb blieb sie in Ost-Berlin und wurde eine bekannte Autorin in der DDR.

In der Bundesrepublik Deutschland war sie lange Zeit umstritten, erhielt aber noch zu Lebzeiten den Ehrendoktortitel der Johannes Gutenberg-Universität und wurde als Ehrenbürgerin der Stadt Mainz gewürdigt. Sie setzte sich stets für eine friedliche Gesellschaft ein und war der Meinung, dass die Literatur die Menschen in dieser Hinsicht stärkt und bildet und ihnen Freude bereitet. Sie starb am 1. Juni 1983 in Ost-Berlin.

Über die Namensgebung an einer Mainzer Schule hätte sich Anna Seghers gefreut, da war sich ihr Sohn sicher, der zur Feier eigens aus Frankreich anreiste. Denn Anna Seghers vergaß ihre Heimat nie: „Einmal – als meine Mutter schon sehr alt und krank war – erzählte ich ihr nach einer Reise von den Lachsen in Kanada, die viele Jahre im Ozean herum schwimmen und schließlich zum Sterben an ihren Geburtsort zurückkehren. Da sagte sie: ,Wie gerne wäre ich ein Lachs‘ “, erinnerte sich Pierre Radvanyi in seiner Rede bei der Feier im Oktober 2005.

 

„Ihr war die Schule als Institution der Bildung und des Lernens sehr wichtig. An jedem neuen Ort, an dem wir während des Exils landeten, suchte sie zuallererst eine Schule für mich und meine Schwester.“ „Und habt ihr denn etwa keine Träume, wilde und zarte, im Schlaf zwischen zwei harten Tagen?“ (Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok)

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