Musikkurse im Kompositionsprojekt zu Anna Seghers' „Das siebte Kreuz“

Kilchenmann 07-05-13Anlässlich des Gedenkens zum 30. Todestag von Anna Seghers am 01.06.2013 finden in Mainz und Berlin verschiedene Veranstaltungen statt. Der Schweizer Musiker und Komponist Marc Kilchenmann, der zu Seghers‘ Roman „Das siebte Kreuz“ ein Konzert komponiert hat, bot an, ein musikalisches Projekt an unserer Schule durchzuführen. Das Projekt begann am 18.4. mit einem Thementag für drei Kurse unserer Schule:  WPF Musik Jahrgang 9 und die Leistungskurse Musik Jahrgang 11 und 12. Es endet mit Veranstaltungen am 23. und 24.5.2013.

 

Zu Anna Seghers‘ Roman sagt Herr Kilchenmann Folgendes:

Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“ beschäftigt mich seit geraumer Zeit. Die ersten Skizzen zu dieser Arbeit gehen auf die Entstehungszeit der 9. Sinfonie von Hans Werner Henze zurück. In diesen Skizzen ging es mir um die Dramaturgie des Stoffes, seine "Filmtauglichkeit". Ich fühlte mich damals aber nicht fähig, dem Werk von Hans Werner Henze eine eigenständige Vertonung entgegen zu setzen. Betrachte ich heute meine damaligen Skizzen, bin ich gar froh, dass ich die Arbeit damals zur Seite gelegt habe, es wäre eine ziemlich platte, filmmusikartige Komposition geworden. Heute interessiert mich auch nicht mehr das Thriller-Potential der Geschichte, sondern die unglaubliche Genauigkeit, mit der Anna Seghers die Gesellschaft im dritten Reich beschreiben konnte - und dies mit einem ständigen Wechsel des Blickwinkels der verschiedenen ProtagonistInnen auf ein und dieselbe Geschichte. Diese unterschiedlichen Strategien vom Überleben, Helfen, Eingreifen oder Wegschauen führten mich zum Begriff der "sozialen Kontrapunkte".

Kontrapunkt bedeutet wörtlich "Note gegen Note". Ursprünglich wurde die Gegenstimme zu einer Melodie als Kontrapunkt bezeichnet. Heute wird Kontrapunkt oft mit Polyphonie gleichgesetzt, denn die Beherrschung der kontrapunktischen Regeln ist Grundlage des polyphonen Komponierens, dem Komponieren mit mehreren gleichberechtigten Stimmen, wie wir dies geradezu exemplarisch im Spätwerk Johann Sebastian Bachs finden. Wenn ich von sozialen Kontrapunkten in Das siebte Kreuz spreche, dann meine ich, wie kunstvoll Anna Seghers die verschiedenen Lebenswege der ProtagonistInnen zeitgleich ablaufen lässt. Seghers schildert unterschiedlichste Menschen. Es finden sich Täter und Opfer, Mutige und Ängstliche, Mitläufer und Widerständige, Gebrochene und Hoffende. Wie im Fugenwerk Bachs gibt es Regeln verschiedenster Art. Das Regelwerk der Nazis, die Überlebensregeln des versprengten Widerstandes, aber auch die einfachen Regeln der Nächstenliebe. Sie alle treffen wir im „Siebten Kreuz“ an.

 

Herr Kilchenmann vermittelt den Schülerinnen und Schülern zum einen eine Kompositionsmethode, die auf Ansätze berühmter Musiker wie John Cage zurückgeht. Zum anderen machen die Schülerinnen und Schüler die Erfahrung, wie Literatur und Musik in einander greifen und sich auf einander beziehen können. Sie arbeiten vier Wochen lang mit ihren Lehrerinnen (Frau Debold, Frau Kosciankowski, Frau Mengistu-Schwehm) an der Umsetzung ihrer musikalischen Ideen zu dem antifaschistischen Roman von Anna Seghers.

 

Am Donnerstag, 23.5.2013 abends um 18 h, besuchen sie in der Gedenkstätte KZ Osthofen das Konzert von Herrn Kilchenmann. Zur Uraufführung gebracht werden 4 Stücke für Traversflöte und Streichquartett. Dies verdeutlicht, dass nicht eine Vertonung von Textpassagen geplant ist, sondern eine Hörbarmachung der Strukturen des Romans. Zur Einführung werden wir Auszüge aus Seghers‘ Roman vorlesen.

 

Am darauffolgenden Tag, am Freitag, 24.5.2013, wird Herr Kilchenmann wiederum in unserer Schule sein, um die Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler anzuhören, die in der 5. Und 6. Stunde im Mehrzweckraum zu Gehör gebracht werden. Das Konzert ist öffentlich, alle Mitglieder der Schulgemeinschaft sind herzlich willkommen.

Die Mainzer Allgemeine Zeitung und der SWR 2 berichteten bereits über den Projekttag.

Christina Schreiber